Referenzen

Rudolf Tschudin.

Gegeben sind die technischen Einrichtungen, gegeben auch das praktische Können mit diesen Mitteln umzugehen, und nicht zuletzt auch das Wissen um deren künstlerischen Verwendbarkeit. Verwendet werden von der Industrie hergestellte Fabrikate wie gewalzte Bleche, Profilstähle, Nieten, Schrauben etc. Materialien also, welche an sich schon einen mitbestimmenden Einfluss ausüben. Bei Beginn der Arbeit sind die äusseren Rahmenbedingungen eindeutig umrissen, und dass der Künstler diese wählt und freimütig akzeptiert, zeugt von seiner grosszügigen Unbekümmertheit, seiner Freude am fantasievollen spiel und an der integren, seriösen Denkweise.

Dies ist eine Haltung, welche der grosse italienische Ingenieur Luigi Nervi so definiert: „L’arte è realtà costruttiva, concepita correttamente e realizzata con amore.“ Keine trübselige Wichtigtuerei, keine Arroganz, keine kosmischen Ansprüche. Mehrere Bleche werden geschnitten, zeigen alle identische Umrisse, werden übereinander gelegt und nur an den gemeinsamen Kanten zusammengeschweisst. Der kleine Zwischenraum, das winzige Nichts zwischen den Blechen wird mit Druckluft, einem anderen Nichts, zu geschweissten Kanten bieten Wiederstand, und nun beginnt ein unerhörtes Kräftespiel. Stahl wird gestaut, die Moleküle ziehen sich zusammen Stahl wird gezogen.

Abrupte Richtungswechsel, harte Knicke, freundliches Auslaufen, weiches Ausklingen und auch aggressives Aufbrausen.

Kreisende Kreise, hüpfende Punkte, bedächtige gleichmässige Intervalle. Unerschütterliche gerade Linien in einer turbulenten Welt.

Geschrieben von seinem Bildhauerkollegen Johannes Burla.

 

 

Rudolf Tschudin

Die Kunst des Hephaistos

Der Sissacher Künstler ist seit 1986 freischaffend. Nach einer Lehre als Metallbauschlosser und anschliessenden Berufsjahren besuchte er die Schule für Gestaltung in Basel bei Johannes Burla. Dort entwickelte er die Liebe zum Spielerischen und der strengen Ordnung im Gestalterischen. Für Tschudin ist Experimentieren ein wichtiger Bestandteil des künstlerischen Prozess, in welchem er sich ein Spielfeld schafft und oft auch Witziges findet. Ein Bespiel dafür ist das Werk „Où est la mer?“: Eisenboote auf Paddelstelzen suchen sich den Weg zum Meer. Spielerisch ist auch sein Umgang mit Rohrstücken. Aus 90-Grad-Bögen entsteht Figürliches, etwa tänzerische Torsos von grosser erotischer Ausstrahlung. Kein Wunder, schon auf der Amazoneninsel Lemnos gingen Hephaist, dem Gott der Metallbearbeitung, goldene Frauen zur Hand!

Strenge Reduktion wie auch „gesteuerte Zufälle“

Tschudin schafft aus Bogenteilen schlichte Schiffskörper von kühler Reduktion. Eine langgezogene Kopfform, ein Schlüsselwerk von absoluter gestalterischer Strenge. Er schafft Kugeln aus gequetschten oder geraden zusammengeschweissten Rohrstücken. Tschudins Entwürfe entstehen direkt aus dem Material. Der Künstler akzeptiert die Produkte des „gesteuerten Zufalls“; aus Halbfabrikaten erschafft er seine Werke durch Pressen, Ziehen, Walzen oder durch Formen mittels Druckluft. Aber auch die reduzierte absolute Ordnung von geometrischen und stereometrischen Formen gibt ihm gestalterische Freiheit, die er zu nutzen weiss.

Leichtigkeit in Eisen

Wandobjekte, oder Segmente eines Kugelmantels aus Eisenteilen, vermitteln trotz Materialschwere etwas Leichtes, Schwebendes. Frühere Werke, bei welchen Tschudin gewalzte Metallbleche mit analogen Umrissen zusammenschweisste und mit Druckluft formte, zeigen ähnliche Leichtigkeit: Falterflügen, Kissenformen, Fruchtähnliches. Sein Ziel ist es Metall so zu transformieren, dass aus diesem etwas Anderes, Ungewohntes entsteht. Es ist – die Metallbearbeitung hatte immer diesen Aspekt – ein alchemistischer Prozess, der Eisen in Gold transformieren könnte, eine im übertragenen Sinne spirituelle Verwandlung.

Annemarie Maag

 

 

Macht Schweres leicht

Künstler Rudolf Tschudin kann Metall zu luftigen Kissen aufblasen

SUSANNA PETRIN «Es ist, was es ist», sagt Rudolf Tschudin. Der Künstler aus Sissach mag seine Arbeiten nicht mit hochgestochenen Formulierungen aufblasen. Lieber bläst er Metall auf - bis es die Form weicher Riesenkissen annimmt. Oder er schmiedet Rohrstücke zu Kugeln, seine Toilette musst du dir anschauen. Den Kaffee darfst du nicht ablehnen. Döggele mit ihm. Solche Anleitungen gibt’s für einen Rudolf Tschudin Besuch. Ein erster roter Faden stellt sich als hilfreich heraus. Denn in der Werkstatt des Künstlers in Sissach angekommen, weiss die Besucherin nicht, wo beginnen mit Schauen. Tonnenschwere Geräte, Rohre, Uhren, Bilder. Skulpturen drängen bis zur vor dem Haus fliessenden Ergolz - Kugeln, Torsos, Giacometti-artige Menschen. Eine Walfischflosse ragt aus dem Bachbord. Ein Nashornkopf hängt an der Hausmauer. Hier hat Tschudin schon als Bub Figuren geschweisst. Der Urgrossvater war Schmied, der Vater Schlosser. Und Tschudi, als Teenager ein wilder Kerl, fügte sich - um Papas Nerven Willen - und lehrte Metallbauschlosser. Mitte zwanzig absolvierte er die Bildhauer-Fachklasse an der Schule für Gestaltung. Seit 1986 ist er freischaffender Künstler. Im ersten Stock des Hauses geht’s weiter mit seiner Spezialität: Aufgeblasenes Metall. Mit Druckluft erweitert er zusammengeschweisste Bleche. Aus dem Schweren entsteht so plötzlich Leichtes. Kissen, Schwimmflügel, Torsi. Aus Frust sei er auf diese Technik gekommen, erzählt der 46¬Jährige. Es passierte in seinem ehemaligen Atelier in der Gipsfabrik Kienberg. Tschudi steckte in einer Frustphase. Auf der Strasse fand er einen Kompressor, schloss ihn an eine Luftmatratze an. Als sie zu bersten begann, sei ihm bewusst geworden, «das ist eine Bombe». Er rannte raus. Minuten später klirrten die Fensterscheiben. Heute, wenn er Luft durch einen Zwischenraum seiner Gebilde lässt, hat er die gefährliche Technik besser unter Kontrolle. Was bleibt, ist ein Stück Unberechenbarkeit. «Es ist ein gesteuerter Zufall», sagt Tschudin. Doch genau das mache es interessant. Überhaupt: «Die Perfektion ist zugleich der Tod, dann kommt man nicht mehr weiter.» Tschudin mag es direkt und unprätentiös. Er will keine hochtrabenden Vorträge über seine Werke halten. «Es ist was es ist», sagt er. Die Leute sollen unbekümmert drangehen. «Es soll nicht wichtig sein, nicht dramatisch.» Lieber humorvoll. «ou est la mer?» heissen seine Eisenboote auf langen Paddeln. Doch wenn er sich in eine intellektuelle Pose legt und von der Vernetztheit von allem mit allem erzählt, wenn er sagt, «wenn ich einen Finger in die Ergolz stecke, dann bin ich mit dem Meer verbunden», so will man’s ihm glauben.

NICHT WEGZUZAPPEN. Tschudi erzählt sprunghaft. Seine grossen Hände mit den vom Metall schwarz umrandeten Fingernägeln erzählen mit. Wenn er nachdenkt, verschränkt er sie hinterm Kopf - das kann er auch mit einer brennenden Zigarette zwischen den Fingern. Künstler seien alle, die das tun, worin sie aufgehen, «wo sie nicht anders können». Er liebe die Vielfalt. Selber braucht er die Einschränkung. Das Leben in der Stadt behagte ihm nicht: «Zu viel Möglichkeiten.» Hier auf dem Land, da müsse man es aushalten. Genauso wie man etwas Solides wie eine Skulptur aushalten müsse. «Die kann man nicht wegzappen, auf die muss man sich einlassen». Genau deshalb sei diese Kunstform wieder erwünscht - «in einer Zeit, in der viele Leute das Gefühl haben, sie gehen verloren.» Tschudis Wohnzimmer sieht aus wie ein weiteres Atelier. Hier löst sich das Rätsel um die Toilette: sie steht einzig von einem Paravent abgetrennt im Raum - nichts für Schamhafte oder Japaner. Zum Stil passt, dass Tschudi Freizeit und Arbeit nicht trennen mag. Er hat gefunden, was er tun muss. Eine neue Skulptur Tschudins, ein xy, steht im Zürcher Zoo. Kommenden Mittwoch wird in Carrabbia (TI) eine seiner Eisenkugeln installiert.

Susanna Petrin Redaktorin, 29.10.2006
Basler Zeitung